Verena M. Dittrich

Verena M. Dittrich

Die vielen Gesichter der Lisa S.

Wer ist Lisa S.? Eine Frau mit vielen Identitäten, Widersprüchen und erfundenen Geschichten.

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Verena Maria Dittrich
Sept. 24, 2025
∙ Bezahlt

Dieser Text erzählt die Geschichte einer Frau, die unter verschiedenen Namen auftrat: mal als „Lisa S.“, mal als „Ela“, „Nathalie Hartung“ oder „Sanela G.“. Sie behauptete, mit einer Reality-TV-Darstellerin verwandt zu sein, und inszenierte sich als Stimme für Eltern, die ein Kind verloren haben. Doch je länger ich mit ihr in Kontakt war, desto mehr zeigte sich: Hinter all den Identitäten steckte vermutlich nur eine einzige Person. Was als vermeintlich wichtiger Einsatz für Sternenkindeltern begann, entpuppte sich als Netz aus dutzenden Widersprüchen, Täuschungen und manipulierten Geschichten.

„Hat sich bei dir eine Lisa gemeldet?“
„Leider nicht. Bist du mit ihr in Kontakt? Ich glaube ihr.“
„Irgendwas ist da komisch.“

Meine Recherche beginnt mit einer etwas unfreiwilligen Promikolumne für den Nachrichtensender ntv, die ich wöchentlich schreibe. Es ist Sommer, in Berlin ist die Fashion Week und eine Kollegin schreibt genau über dasselbe Thema, weshalb ich kurzfristig auf die Causa Kim Virginia ausweiche und eine Kolumne über ihre angebliche stille Geburt und die vielen Zweifel darüber schreibe, die Reality-TV-Darstellerin habe ihr Kind leider durch einen „Tritt in den Magen“ verloren.

Kurz nach Erscheinen des Textes melden sich bei mir einige Kollegen. Eine schreibt: „Du wirst gerade bei TikTok gefeiert.“ Sie schickt mir einen Screenshot eines TikTok-Profils von Lisa S. mit 19.332 Followern. Zu sehen ist ein Post mit meinem Text, der mit den Worten versehen ist: „und nein, dafür bekam ich kein Geld“.

In hunderten Kommentaren wurde von ihr der Eindruck bei den Followern erweckt, ich habe diese Kolumne in Zusammenarbeit mit Lisa S. geschrieben. Fakt ist: Das ist unwahr. Ich habe zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas von der Frau gehört. In den Kommentarspalten war indes zu lesen, wie froh man sei, dass Lisa nun so eine tolle Unterstützerin gefunden habe.

Ich fand das damals mindestens manipulativ, aber dieses Bauchgefühl geriet in den Hintergrund, als Lisa S. sich plötzlich persönlich bei mir meldete. Sie bedankte sich bei mir und schrieb, „momentan eine Hasswelle hinter sich zu haben“ und weiter: „Ja, Kim ist zu 100 % aus meiner Familie.“ Sie verabschiedete sich „in Liebe und Hochachtung“ und bedankte sich „von Herzen“. Als „Beweis“ sendete sie mir ein Foto eines Sternenkind-Tattoos.

Ich wollte der Frau glauben. Ich hatte Mitgefühl mit ihrem angeblichen Schicksal, ein Kind verloren zu haben, und es war nachvollziehbar, wie sehr es sie und viele Sternenkindeltern triggert, dass ein so schweres Schicksal scheinbar für Reichweite ausgenutzt wird.

Da ich zu diesem Zeitpunkt aber, wie gesagt, mich mit dem Thema noch nicht lange auseinandergesetzt hatte, stellte ich den Kontakt zu einer Person her, die sich von Anfang an mit dem Fall beschäftigt hatte. Die beiden redeten lange, auch die vermeintliche Ärztin „Ela“, die zu „Lisas Team“ gehören würde, betrat die Bühne. Währenddessen schrieb ich einen weiteren Artikel mit dem Titel Der Schmerz der anderen und stellte dem Management von Kim Virginia eine Presseanfrage. Ich erhielt nie eine Antwort.

Gleichzeitig wurde mir abermals angeraten, ich solle mich nicht weiter mit Lisa S. und den Sternenkindeltern beschäftigen. Mir wurde auf den Kopf zugesagt, „neidisch“ zu sein, weil einige Meinungsblogger mich nicht namentlich erwähnen würden, ich hätte von dem Thema stille Geburt keine Ahnung. Zudem wurde suggeriert, ich würde nur darüber schreiben, um damit Geld machen zu wollen. Das ist natürlich absurd. Aber ich merkte schnell, dass es bei diesem Thema offensichtlich so etwas wie einen Hoheitsanspruch gibt – und habe mich auch deswegen, vor allem deswegen, nicht mehr damit beschäftigt. Gleichzeitig aber schrieb Lisa S. mir regelmäßig weiter.

“Ich gehöre zu 100 % zur Familie von Kim V.”

Über Wochen hinweg erhielt ich von Lisa S. immer mehr Nachrichten. Sie war freundlich, aber gleichzeitig auch ausweichend. Sie berichtete mir von „Hatern“, von Menschen, die in ihrem Leben nichts anderes zu tun hätten, als ihre wahre Identität herausfinden zu wollen, von Drohungen und Einschüchterungen. Und von ihrer Enttäuschung über eine „Journalistin”, der sie leider vertraut habe.

Ich erhielt dutzende Screenshots von angeblichen Hassnachrichten und Drohungen. Mal waren die Absender unkenntlich gemacht, mal waren sie abgeschnitten. Sie nannte Namen von Leuten, die sie „platt machen wollen“.

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